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Ein Mann will nach oben

DAS THEATRE BOHEMIEN MIT STRINDBERGS "FRÄULEIN JULIE" IM ANNO TUBAC

Bonner General Anzeiger: 1985-10-23

Von Roland Groß

In einer ansprechenden Kabinett-Inszenierung des Theatre Bohemien kann man derzeit Strindbergs 1888 entstandenes Konversations-Psychodram "Fräulein Julie" im Anno Tubac sehen. Der psychologische Naturalismus des Stückes umspannt von der geglückten Verführung des Dieners Jean (Stefan Zinz) durch die Grafentochter Julie (Babette Dörmer) bis hin zum arrogant-zynischen Verstoß des Mädchens durch den gesellschaftlich aufstrebenden Domestiken am nächsten Morgen gleichermaßen Gesellschaftskritik und tief gehendes Seelenpanorama zweier disparater Charaktere. Die anfänglich mannstolle und erfolgreich endende Verführungssucht der durch Babette Dörmer recht überzeugend realisierten lasziv-koketten wandelt sich am Ende in ein psychisches Desaster: Träumt sie einerseits von einer gemeinsamen Flucht in einen allharmonischen, noch der Romantik verpflichteten Zustand (Gründung eines Hotels in Italien), geht sie andererseits an der Konvention, ihrer Entehrung und den Moralbegriffen ihres Standes zugrunde. "Das lebensgefährliche Voruteil der Ehre", so Strindberg im Vorwort seines Einakters, bereitet den gesellschaftlichen Abschied des Adels vor - die unteren Gesellschaftschichten sind auf dem Weg nach oben.

Ist Babette Dörmer als Verführende geradezu selbstverständlich überzeugend, so überzeichnet sie als gefallenes Mädchen maßlos. Hier entsteht, unterstützt durch die etwas plüschig-schummerige Gründerzeitkulisse, eine gestisch-mimische Entwicklung, die nicht selten unfreiwillig komisch wirkt und an den Herz-Schmerz-Habitus früher Stummfilme erinnert. Die anfängliche Seelenlandschaft droht zu verflachen.

Ganz anders Stefan Zinz, der von Anfang an ein zynischer Parvenu ist und ganz und gar nicht - wie es die Inszenierung von Carolin Oeckinghaus eigentlich vorsah - an einem leidenschaftlich-rücksichtslosen Versuch der Sprengung von Konventionsgrenzen Interesse zeigt. Eine Rollengestaltung, die versucht, sich am "Valmont" eines Heinrich Giskes (aus der Bonner Inszenierung von Heiner Müllers "Quartett") zu orientieren: sicherlich kein übles Vorbild! Er differenziert beachtlich von maskulinem Eroberungsstolz bis hin zur Selbstmordaufforderung an Julie, dies im quasi leger-dämonischen Gefühl unsinnlich-intellektueller Überlegenheit: Ein Mann will nach oben.

Bliebe Kirsten Ungerathen als das Hausmädchen Kristin zu erwähnen. Überzeichnet sie zu Beginn die verknotete graue Maus und behandelt ihre geringen Dialoganteile etwas sprachautomatisch-hölzern, so setzt sie am Ende - in vielerlei Hinsicht standesbewußter - selbstsichere Spielakzente, die gefallen. Etwa, indem sie kurz vor dem letzten Hoffnungsgezeter der Julie ihrer Herrin und damit einer ganzen absteigenden Schicht mit burschikosem Selbstbewußtsein entgegenhält: "Glauben Fräulein eigentlich selber daran?" (Weitere Aufführungen 23. und 24.10.; 10.-13.11.; jeweils 20.30 Uhr im Anno Tubac, Kasernenstr./Ecke Kölnstr.)